Ein Rückblick zum zehnjährigen Jubiläum von Bamboo Shoots – die NGO-Managerin im Interview

Zehn Jahre „Bamboo Shoots“ – zehn Jahre Bildung und Förderung für Kinder in Kambodscha. Mit Petra Marek, der Managerin und Mitbegründerin der Nichtregierungsorganisation (NGO), blicken wir zurück. Im Interview erklärt die ursprüngliche Berlinerin, wie sie einst nach Kambodscha gekommen ist, was der gefährlichste Moment für sie war und wie aus einer Idee eine Hilfsorganisation mit Vorschulen geworden ist.

Seit mehr als 20 Jahren bist du nun in Kambodscha. Was hat dich hier hergeführt?

Petra Marek, Managerin von Bamboo Shoots im Interview mit Lisa Fritsch

Ich habe den Film „The Killing Fields“ in Deutschland gesehen. Darin geht es um Kambodscha während der Khmer Rouge Zeit. Das war das Terrorregime in den 70er und 80er Jahren unter dem Machtführer Pol Pot. Dadurch starben große Teile der Bevölkerung. Mich hat es beeindruckt, dass Leute nach sowas noch normal leben können. Als Beispiel die eine Szene im Film, wo man von weitem einen Mann auf der Flucht sieht, der über ein Feld rennt. Man denkt er rennt über Baumstümpfe und Äste, dann geht die Kamera näher ran und es sind alles Knochen.

Ich war zu der Zeit gerade in der Ausbildung zur Sozialpädagogin. Es hat mich einerseits gereizt, zu sehen, wie Menschen damit leben können und andererseits empfand ich Mitleid mit den Menschen. Ich habe gemerkt, da ist Not im Land, wo man vor allem für Kinder gute Arbeit und Unterstützung leisten kann.

Wie kamst du dann das erste Mal zum Arbeiten nach Kambodscha?

Eigentlich hat alles in Thailand angefangen, wo ich in einer Provinz nahe der kambodschanischen Grenze in einer Lebra-Organisation gearbeitet habe, die auch Vorschularbeit geleistet hat. Dort habe ich gemerkt, dass man mit Vorschularbeit nicht nur Kinder erreichen kann, sondern ganze Familien. Nach zwei Jahren kam ich durch einen Kontakt nach Phnom Phen, um in einem Waisenhaus zu arbeiten. Ich blieb sechs Jahre – viel zu lange eigentlich (lacht). Aber das hat mich sehr geprägt, ich habe allein unter Kambodschanern gelebt und musste somit die Sprache lernen. Und ich habe meinen Ehemann kennengelernt, der dort Wächter war.

Und wodurch kamst du nach Siem Reap, wo deine NGO jetzt ansässig ist?

Ich selbst wusste zu der Zeit, dass ich nicht mein Leben lang im Waisenhaus arbeiten möchte. Denn die meisten Kinder waren gar keine Waisen, sondern Straßenkinder. Mein Herz schlug für kleinere Kinder und die Vorschularbeit, die ich in Thailand kennengelernt habe. Ich hatte selbst den Eindruck, dass Siem Reap die Provinz ist, wo ich hingehen sollte. Die Bestätigung habe ich während einer Konferenz mit einem bekannten Autoren erhalten, der zu uns ins Waisenhaus kam. Das war dann irgendwie ein Zeichen für mich. 

Mit deinem Ehemann bist du 2002 nach Siem Reap gekommen. Wie hat sich die Gründung der NGO entwickelt?

Petra mit ihrem Ehemann Sothy, dem Direktor der NGO

Wir wollten eigentlich gar nichts Eigenes machen. Kambodscha war jahrelang und ist es vielleicht immer noch, ein Land mit den meisten Hilfsorganisationen. Eigentlich wollte ich nicht noch eine gründen. Wir waren dann in verschiedenen Dörfern um Siem Reap herum und haben gefragt, was wir tun könnten, um diese zu unterstützen: Schule war ein großes Manko. Aber als wir uns umgeschaut haben, wo wir uns einklinken können, waren die Bedingungen von den Organisationen so streng. Einerseits von den Finanzen her, andererseits aber auch zum Beispiel von den religiösen Einschränkungen her. Deshalb haben wir uns am Ende dafür entschieden, eine kleine, lokale NGO aufzumachen und dem zu folgen, was in unserem Herzen war.

Wenn du jetzt zurück blickst, worauf bist du stolz, was erreicht wurde und was steht für die Zukunft an?

Ich bin stolz, dass wir seit zehn Jahren existieren. Ich habe ganz viele kleine Organisationen kennengelernt, die mit viel Power und finanzieller Unterstützung anfangen aber über die Jahre immer kleiner werden, weil die Finanzen wegfallen. Ich bin sehr stolz auf meine Unterstützer aus Deutschland, die mich seit über 20 Jahren und auch meinen Werdegang mitunterstützen. Momentan haben wir vier Standorte, drei Schulen und eine Bücherei. Dass es dort läuft, ist gut zu sehen.

Auf dem Herzen liegen mir aber noch zwei Sachen: zum einen eine fahrende Bücherei. Wir sehen umso weiter wir von Siem Reap weggehen, desto weniger Schulen sind da, desto weniger Bildung ist da. Das wäre eine Möglichkeit auch dort Menschen und vor allem Kinder zu erreichen. Eine neuere Idee ist Migrantenarbeit in Bangkok. Es gibt ganz viele Kambodschaner, die mit ihren kleinen Kindern zum Arbeiten nach Thailand gehen. Sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen und die Kinder leben jahrelang in Thailand und lernen dort Thai, aber natürlich kein kambodschanisch, vor allem nicht schreiben und lesen. Wie Flüchtlinge leben sie sozusagen in einem Vakuum von Bildung. Wenn sie dann nach Kambodscha zurückkommen, gibt es für sie keine Möglichkeit sich zu integrieren, weil es für sie keine Schulen gibt. Ich habe Kontakte in Bangkok, wo eine Zusammenarbeit möglich wäre, um eine Vorschule mit kambodschanischen Angestellten dort aufzubauen.

Wie läuft die Kooperation der NGO mit den Unterstützern in Deutschland?

Zum einen haben wir zwei Gemeinden in Berlin, die uns finanziell unterstützen. Dann kam 2010 der Verein, der einfach einen größeren Rahmen schafft für Leute, die zum Teil mit Kirche nicht so viel am Hut haben, aber zum Beispiel in Kambodscha waren und gesehen haben, dass das Land Unterstützung braucht. Dadurch erhalten wir über Betterplace sehr gezielte Unterstützung. Jede zwei Jahre fahre ich auch nach Deutschland, um die Kontakte aufrecht zu erhalten und jetzt kommen auch mehr und mehr Bekannte und Freunde hier her. Einige Jahre zuvor galt das Land noch als ungewöhnlich und gefährlich.

Zum Stichwort gefährlich: Gab es einen Moment in deiner Zeit in Kambodscha in der du dich in Gefahr gefühlt hast?

Ja, es gab 1997 einen Putsch in Phnom Phen, weil die zwei Parteien, die sich damals die Regierung des Landes teilten, aneinander gerieten. Es gab immer einen ersten und zweiten Premier und dann hat der zweite gegen den ersten geputscht. Für mich als Nachkriegskind war es das erste Mal, dass ich Kriegshandlungen miterlebt habe. Es gab Leute, die verletzt bei uns in der Gemeinde ankamen, Leute, die aus ihren Gebieten flüchteten, unsere Leiterschaft musste das Land verlassen und plötzlich war ich für ein gesamtes Waisenhaus verantwortlich.

Viele Menschen wurden evakuiert und mussten auf dem Flughafen ausharren. Am nächsten Tag fuhren die Panzer auf der Straße. Im Waisenhaus war wochenlang noch eine Stimmung, dass wir eventuell die Stadt verlassen müssen. Die große Furcht war da, dass nochmal das Gleiche passiert wie unter Pol Pot. Natürlich machten sich auch meine Freunde und Familie in Deutschland Sorgen, aber zum Glück waren die Kriegshandlungen weit genug von uns entfernt.

Bei solchen Erlebnissen fragt man sich doch bestimmt öfter ob du je wieder zurück nach Deutschland gehen würdest?

Über Jahre habe ich gedacht, ich hätte in Deutschland keine Chance mehr Arbeit zu finden. Als es letztes Jahr mit den Flüchtlingen losging, hat sich dieser Gedanke verändert und  ein Teil meines Herzens sagte „Oh, ich will nach Deutschland. Ich will helfen!“ Aber ich bin mit einem Kambodschaner verheiratet und für uns als Familie wäre es einfach schwierig. Ich weiß auch nicht, ob ich mich langfristig in Deutschland wohl fühlen würde, ich glaube eher nicht.

Was schätzt du denn an dem Leben in Kambodscha?

Petra Marek mit ihrem Team

Zurzeit denke ich, dass wir trotz mancher schwieriger, politischer Situationen ziemlich viele Freiheiten haben. Man kann mit wenig viel Gutes tun. Es gibt nicht all die Gesetze und Regulierungen, die zwar auch hilfreich sind, aber auch einschränken können, gerade wenn man nicht viele finanzielle Rücklager hat. Ich liebe die Leute, ich bin nach wie vor beeindruckt, dass ein Volk mit der Geschichte so leben kann. Ich denke in Deutschland wären 80 Prozent schon in der Psychiatrie.

Das Interview führte Lisa Fritsch.

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